Ich gebe zu: Ich war blog-faul. Eigentlich hätte ich schon vor zwei Wochen ein neues Thema beginnen müssen: Die Suche nach dem eigenen Boot. Da es aber nun nicht geschehen ist, hole ich meine Erlebnisse in einem Beitrag nach….
Nun gehe ich es an. Es ist Zeit für ein Boot, nein: Ein Schiff. Wie lange habe ich schon recherchiert auf boot24.de, yachtall.com bei Bootsmaklern und Händlern. Plötzlich, nachdem mein Entschluss fest steht, kommen die interessanten Angebote.
Die erste Besichtigung
“Bintang” heißt die Kandidatin, “Stern” auf indonesisch. Ein gestandenes holländisches Stahlboot in der Zwölfmeter-Klasse. Erstaunlich viel Platz bietet es, zwei Tische, vier – notfalls sechs – Kojen. Große Fenster lassen jede Menge Licht herein. Unter Deck werkeln zwei unzerstörbare Dieselmotoren, jeder mit dem Hubraum fünf bayerischer Oktoberfestbiergläser. Kraft im Überfluss, die auf die zwei Propeller einwirkt. Ein zuverlässiger, starker Fluss- und Küstentraktor, nicht ganz leise, nicht ganz sparsam aber noch im grünen Bereich. Warmwasser, eine moderne Heizung und ein bisschen Marineelektronik muss noch nachgerüstet werden aber sonst ist das Schiff in Topzustand. Jeder Schraube merkt man an, wie sehr dieses Boot geliebt und gepflegt worden ist.

Die Bintang, die eine gute Freundin werden könnte

Der Salon mit Steuerstand
Fahren lässt es sich mit einem wie zwei Motoren und läuft wie eine Eins. So einen präzisen Geradeauslauf habe ich noch nie gesehen. Toll!
Dann sitze ich am großen Tisch im “Salon” und möchte am liebsten dort bleiben, so wohl fühle ich mich. Auch mit dem Eigner komme ich bestens klar. Ich finde es wichtig, dass der Vorbesitzer ein mir sympathischer Mensch ist. Die Ausstrahlung des Bootes hat sehr viel mit denen zu tun, die lange darauf gefahren sind. Mehr noch als Autos werden Schiffe immer auch Teil des Eigners.
Wenn es kein anderes Boot auf meiner Liste gäbe, ich würde sofort zusagen. Nur der Verbrauch der beiden DAF-Diesel stört mich noch etwas. Aber da sind noch zwei andere…
Die zweite Besichtigung
Ein riesiges Ding liegt am Ende des Anlegers. Fünfzehn Meter lang, über vier Meter breit und knapp vier Meter hoch ragt dieser Schlachtkreuzer aus NVA-Beständen vor mir auf. Gütiger Himmel, das ist zwei Nummern zu groß. Im Inneren steckt ein Haufen alte und neue Technik, es gibt einen regelrechten Maschinenraum mit einem gewaltigen DDR-Dieselmotor mit einem Hubraum der für sechs Mittelklasse-PKW’s ausreicht, aber nur 150 PS hat sowie einem Haufen Aggregate und Leitungen. Ich habe das Gefühl, dass mir dieses Monsterboot über den Kopf wächst, nein nicht nur das: Ich bekomme regelrecht Angst davor und will weg von dieser Höllenmaschine.

Nein, das ist zu groß, bloß nicht....
Aber zugegeben: Es ist tiptop gepflegt und ziemlich eindrucksvoll. Auch der Eigner wirkt seriös und es gibt sogar Kaffee und Kuchen an Bord. Aber was soll’s. Übermorgen geht es zu meinem Traumschiff und ich habe das sichere Gefühl, das wird es sein. Sogar nachts sehe ich den ehemaligen Segelkutter vor mir, der wie neu blitzt und blinkt und mit dem ich über Meere und Flüsse kreuze und die Wasserwelt entdecke: Mein Schiff und ich!
Die dritte Besichtigung
Am Morgen dieses Tages, auf den ich mich so gefreut habe, liegt mir eine seltsame Schwermut auf der Seele, als ich zu meiner geliebten Nordsee und dem Traumschiff aufbreche. Es ist, als würde ich gegen einen Widerstand anfahren. Ich schwöre, sogar mein Auto merkt das und braucht glatt einen Liter mehr Diesel als sonst.
Als ich in der kleinen Marina in Oldersum ankomme, sehe ich mein Schiff sofort. In der Tat, es sieht aus wie neu. Aber groß ist es nicht gerade. Nun ja, vielleicht ist es ja ein Platzwunder und wirkt innen viel geräumiger als außen.
In dem Moment, in dem ich den Innenraum betrete, sehe ich: Das wird nie meines werden. Es ist eine Puppenstube. Gepflegt, durchaus liebenswert, aber auch eng und zu dunkel durch die Bullaugen, die sich auf den Fotos so hübsch machten. Eigentlich könnte ich sofort wieder gehen. Ich bleibe aber trotzdem, lasse mir alle Details zeigen- auch den niedlichen Motor – und fahre ein Stück. Gut, der Kanal ist ziemlich verschlickt, aber trotzdem gelingt es mir nicht, auch nur annähernd gerade aus zu fahren. Wir passen nicht zusammen. Nein, nein, nein!

Die schöne kleine Godewind
Ich will die Besitzer nicht hinhalten und sage Ihnen, das sie zwar ein sehr schönes Schiff haben, aber dass es nicht meines werden wird. Wir sind alle drei enttäuscht und ich etwas deprimiert. Die Besitzer, weil sie sonst anscheinend keine Interessenten hatten und ich, weil mein Traum zerplatzt ist.
Dazu passt ein lieblos mäßiges Mittagessen in Emden, das auch nicht gerade in Schönheit glänzt (verzeiht mir Emdener).
Ich fahre Richtung Hannover gehe in mich und denke und spüre nach, was ich wirklich will.
Die vierte Besichtigung
Was ich dann tue, noch von der Strecke aus, will ich selbst nicht glauben: Ich rufe den Besitzer des NVA-Kreuzers an, denn ganz vergessen konnte ich den Riesenkahn nicht. Wir vereinbaren für den nächsten Tag noch einmal eine gründliche Besichtigung:
Es ist immer noch ein gewaltiges Ding und ragt hoch und breit und lang über alle anderen Boote im Hafen. Ich beginne, es zu erkunden. Groß ist es in der Tat, aber auch wunderbar geräumig, solide und komfortabel. Die vielen Leitungen und Aggregate beginnen sich vor meinem inneren Auge zu ordnen und verlieren ihren Schrecken, der Zustand ist blendend, man sieht, dass hier ein Technikprofi am Werk war.
Der Riesendiesel springt sofort an und brummelt zunächst mit einem blauen Wölkchen vor sich hin, wird aber dann so leise, dass ich nur nur ein angenehmes Brummen höre. Nichts vibriert, nichts klappert. Wir legen ab, schieben uns vorsichtig unter der Brücke der engen Hafeneinfahrt durch und fahren. Der schmale Seitenkanal mit stählernen Spundwänden sorgt für gehörige Verwirbelungen und es ist für mich nicht so einfach, Kurs zu halten. Bei seinem Eigentümer läuft die Nordland aber wie ein braves Pferd gerade aus. Von diesem Schiff geht eine große Ruhe und Kraft aus. Ich fühle mich hinter dem Rad wie ein König. Die Steuerung ist leicht und präzise. Das haben sie gut gemacht, die Ingenieure der Marinewerft in Wismar.

Doch nicht zu groß?

Der untere Steuerstand
Der obere Steuerstand liegt noch ein wenig höher, als viele Steuerhäuser der Berufsschiffer. Man grüßt sich freundlich. Der Kanal ist eng und drei Meter Abstand müssen reichen und sie reichen. Die Nordland zieht jeweil leicht ins Schraubenwasser des entgegenkommenden Schiffs, aber rechtzeitiges, minimales Gegenruder lässt sie gelassen durch das Wasser ziehen. Als alles frei von Gegenverkehr und Anglern ist, lege ich kurz den Fahrthebel nach vorne. Sofort nimmt sie Geschwindigkeit auf und produziert eine gewaltige Heckwelle, die über die Spundwände leckt. Nach ein paar Sekunden, gehe ich wieder auf Normalfahrt und bin beeindruckt.
Wie im Fluge sind eineinhalb Stunden vorbei als wir in die Hafeneinfahrt einbiegen und ich ahne, dass ich mein Schiff gefunden habe, oder viel mehr, dass es mich gefunden hat. Als wir die Brücke passieren, gibt es einen lauten Knall gefolgt von einem Kraftausdruck im Chor. Das erste und einzige Mal seit er in diesem Hafen liegt, hat der Eigner vergessen, den Mast umzulegen. Auch ich habe keinen Gedanken an die Viermeterdreißig verschwendet. Als wir angelegt haben, baumelt fröhlich das Toplicht vom Mast. Nichts Schlimmes ist passiert, nur drei Schrauben müssen ersetzt werden.
Es ist mein Schiff – wenn ich mutig oder wahnsinnig genug bin. Ich sage – vorbehaltlich der Finanzierung – dem Besitzer zu. Habe ich jetzt einen gewaltigen Fehler gemacht, der mich teuer zu stehen kommen wird oder bin ich dabei, meinem Leben eine völlig neue Richtung zu geben?
Grübeln und Recherchieren
Das ist ist nicht wenig Geld, für das ich mich verpflichten will. Und was ist mit den Folgekosten? Angeblich verbraucht die Nordland – der Name gefällt mir ausnehmend gut – zwischen fünf und neun Liter pro Stunde und so gut wie kein Öl, alle Ersatzteile sind vorhanden und sehr günstig, alles soll überraschend bezahlbar sein.
Ich bin geneigt, das zu glauben, möchte es aber noch von anderer Seite hören. Die Marinekameradschaft Köpenick hat sich der Betreuung dieses Bootstyps verschrieben, ich rufe den Vorsitzenden auf dem Handy an. Er ist gerade unterwegs, es passt trotzdem und er bestätigt alles, kennt die Nordland und bescheinigt ihr beste Pflege. Außerdem sei in ein paar Tagen Hafenfest, da gäbe es noch Boote vom Typ MBK 13 zu sehen. “Wenn Se sich det Wochenende versauen wollen, kommen Se doch vorbei..” berlinert er.
Mal sehen. Hafenfest. Köpenick. Eher nicht. Vielleicht an einem anderen Tag.
In den nächsten Tagen melden sich Bedenken und Bedenkenträger. Ich werde vor dem Boot gewarnt, es sei unendlich viel Arbeit daran zu tun, Zeit die ich nicht hätte. Im Leben würde es nicht so wenig verbrauchen, ich solle bloß die Finger davon lassen. Ich danke für die Warnung und widerspreche in einigen Punkten. Nicht gut, ich rede mit einem erfahren Skipper, der von Schiffen unendlich mehr versteht als ich. Vielleicht nicht von diesem speziellen, aber fachlich ist er mir ansonsten weit überlegen.
Hafenfest
Am Morgen des 18. Juni beschließe um sechs Uhr, doch zum Hafenfest zu fahren und sitze eineinhalb Stunden später im Auto. Mein Handy-Gesprächspartner steht gleich im Eingang zum Hafen. Was dann passiert, ist für mich unerwartet und erstaunlich: Ich werde empfangen, wie ein alter Freund, der gerade aus Amerika nach Hause gekommen ist. Viele nehmen sich Zeit für meine Fragen und ich staune über die Qualität des Netzwerkes, dass dieser Verein aufgebaut hat. Die Hilfsbereitschaft, die mir von diesen wohl größtenteils ostdeutschen Seefahrern entgegen gebracht wird, ist für mich als Nichtberliner und etwas unterkühltem Wessi vollkommen verblüffend. Alle meine Fragen werden ausführlichst beantwortet und meine Bedenken zerstreuen sich mehr und mehr. Ich bin mehr als dankbar für diese Hilfe und weiß nun, dass ich mich mit der Entscheidung für dieses Schiff auch zutiefst vernünftig verhalte und ein wirtschaftliches und zuverlässiges Fahrzeug erwerbe.

Ich werde dann noch mit einer frechen, blonden Köpenickerin zwecks Stadtführung verkuppelt und in der Tat: Nicht nur ihre Führung ist vom Feinsten, sondern auch die Gespräche mit ihr, die in vieler Hinsicht eine völlig andere Weltanschauung hat als ich, sind die Zeit wert, die wir miteinander verbringen.
Es ist weit nach Mitternacht, als ich wieder im heimatlichen Hannover “einlaufe”, todmüde aber glücklich, dass ich diese Fahrt unternommen habe.